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Sonntag, März 18, 2007

Spikning

An einem lauen Herbsttag in Jahre 1517 machte sich mein alter Freund Martin Luther auf den Weg zur Schlosskirche in Wittenberg und schlug dort seine 95 Thesen an das hölzerne Kirchentor. Das Internet war damals leider noch nicht erfunden, sonst hätte er wohl einfach einen Eintrag auf seinem Blog geschrieben. Oder auch nicht. Vielleicht war ihm der symbolische Akt, der mit dieser Form der Veröffentlichung einher ging, wichtiger als die bloße Publizierung. Der Abschluss seiner jahrelangen Forschung und Arbeit, die Reinigung seiner Seele davon, seine persönliche Karthasis. Wie mag er sich in diesem Moment gefühlt haben als er den Hammer zum letzten Schlag hob? Wie Noah als er den letzten Nagel in die Arche trieb? Glücklich über das Geleistete aber furchtsam vor dem Sturm, der bald aufziehen würde?
Im durchweg protestantischen Schweden knüpft man an den meisten Universitäten an diese historische Begebenheit an. Die Doktoranden schlagen am Tage der Abgabe ihrer Doktorarbeit eine Kopie davon an den Baum der Weisheit, wie er hier in Linköping genannt wird. An anderen Universitäten ist es manchmal auch ein altes massives Brett.


Diese ausgesprochen schöne Tradition, wie ich finde, nennt man Spikning. Von diesem Tag an läuft eine dreiwöchige Frist, in der der Doktorand seine Arbeit gegen Kritik und im Disput verteidigen muss. Genauso wie einst Luther, der geistige Vater des Spiknings, seine Thesen gegen die Kritiker verteidigen musste.

Dienstag, Februar 20, 2007

Fet Tisdag

Heute war der traditionelle Fette Dienstag (Fet Tisdag) in Schweden. Nach altem Brauch ist das der letzte Tag vor Beginn der Fastenzeit und natürlich muss man sich deshalb nochmal richtig stärken. In Schweden lässt man sich nicht lumpen und isst die sogenannte Semla. Das ist ein ziemlich kalorienreiches Gebäck mit Marzipan und Sahne, das einem schon beim Hinkucken das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

Quelle: Wikipedia


Ich habe Mittags zum Nachtisch schon zwei von den Dingern verdrückt und musste abends zu meinem Bedauern feststellen, dass sie in Ryd ausverkauft waren. Va'fan!!!

Donnerstag, Februar 15, 2007

Snus

Schweden besitzt eines der restriktivsten Antirauchergesetze in der Europäischen Union. Prinzipiell ist Rauchen in allen öffentlichen Gebäude, am Arbeitsplatz und in der Gastronomie (Restaurants, Kneipen, Discos) verboten. Also Gesetze von denen man in Deutschland nur träumen kann. Kein Hustenreiz beim Besuch einer kleinen, schlecht belüfteten Kneipe, keine stinkenden Klamotten und einfach mehr Genuss beim Essen in Restaurants, sind die klaren Vorteile dieser Politik, von den gesundheitlichen Vorteilen mal ganz abgesehen.
Trotzdem scheint es mir so, als wenn es hier nicht wesentlich weniger Raucher als in Deutschland gibt. Im Freien sieht man ständig Leute hektisch an ihren Klimmstängeln ziehen. Dennoch können genau diese Nikotinjunkies ohne Probleme sechs Stunden in einer Kneipe sitzen ohne zu rauchen. Man sieht dabei niemanden apathisch an den Fingernägeln kauen oder sich reihenweise Nikotinpflaster auf den Oberarm kleben.
Was ist also das Geheimnis der Schweden? Es ist Snus!

Quelle: Wikipedia

Snus ist eine Art Kautabak, nur dass er in weißen Päckchen abgepackt ist. Man schiebt sich so ein Päckchen zwischen Oberlippe und Oberkiefer, wo es das Nikotin direkt an die Mundschleimhäute abgibt. Es schmeckt dabei ziemlich salzig und man braucht etwas Übung, um damit Sprechen zu können. Als Nichtraucher fand ich die Wirkung von Snus unerwartet stark. Ich fühlte mich etwas dusselig wie nach einigen Bier aber doch anders. Das kommt wohl einfach daher, dass mein Körper kein Nikotin gewöhnt ist.
Der Verkauf von Snus ist in Deutschland verboten, der Konsum nicht. Mein Vorschlag wäre die gleichen restriktiven Antirauchergesetze in Deutschland einzuführen wie in Schweden und dafür auch den Verkauf von Snus zu legalisieren. Das wäre der beste denkbare Kompromiss. Die Nichtraucher wären den blauen Dunst los, die Raucher würden ihre Zigarette in keiner Kneipe vermissen, weil Snus ihre Sinne benebelt und der Staat kassiert weiterhin Millionen aus den Tabaksteuern für Snus. Da die einzige nachgewiesene Nebenwirkung von langjähriger, starker Snusanwendung der Rückgang von Zahnfleisch ist, würde ich mich dann außerdem noch dafür stark machen, dass Snusbenutzer in Deutschland mehr für ihre Zahnzusatzversicherung bezahlen müssen.
Ich denke, dass wäre die beste Lösung, um die jahrelange Diskussion über die Antirauchergesetze in Deutschland einvernehmlich zu beenden.
Gebt den Snus frei!!!

Dienstag, Februar 13, 2007

Jantelov

Wenn man länger in einem fremden Land ist, fängt man an sich Gedanken über die Unterschiede im Verhalten der Menschen, zu denen daheim, zu machen. Seit Monaten keimt in mir ab und an die Frage auf, was den nun wirklich das Wesen der schwedischen Gesellschaft ausmacht. Wie kann man bestimmte Verhaltensweisen, die ich schon in vorherigen Beiträgen angesprochen haben, auf den Punkt bringen? Was ist die Essenz, die Idee hinter alldem? Schließlich, wie denkt ein Schwede?
Wenn ich in diesem Zusammenhang von einem Schweden rede, dann meine ich einen Durchschnittsschweden, der in einem Dorf oder in einer übersichtlichen Kleinstadt lebt. Alles folgende ist sicher nicht zutreffend für die Einwohner von Großstädten wie Stockholm, die selbst von ihren eigenen Landsleuten, als nicht richtige Schweden bezeichnet werden.
Licht ins Dunkeln meiner Fragen brachte erst ein langes Gespräch mit Jacquinto, einem Portugiesen von meinem Flur, der vor über 10 Jahren nach Schweden zog und sich die gleichen Fragen stellte. Er machte mich auf Jantelov aufmerksam. Jantelov ist norwegisch/dänisch und bedeutet Jantegesetz. Die schwedische Entsprechung heißt Jantelag, was jedem Schweden ein Begriff ist.
Das Gesetz von Jante lautet:
1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.
2. Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.
3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
8. Du sollst nicht über uns lachen.
9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgend jemand um dich kümmert.
10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Quelle: Wikipedia
Diese zehn Gebote prägen das gesellschaftliche Sein und Bewusstsein in Schweden. Sie sind jedoch keinesfalls der Grund dafür, sondern wurden einfach aus den Eigenarten der skandinavischen Kulturen abgeleitet. Niemand lernt diese Gesetze also direkt, man nimmt vielmehr die Konsequenzen daraus indirekt durch die Erziehung auf.
Es fällt sofort auf, wenn man die Gesetze liest, dass sie einen etwas negativen Beigeschmack haben, was es nicht einfach macht dieses Thema, so mal zwischen Tür und Angel, anzuschneiden. Es scheint mehr so, als wenn man sich zwar bewusste ist, dass das Jantelag gewisse Verhaltensweisen und Vorgänge in Schweden erklärt, man hier jedoch keinesfalls das Jantelag propagiert, es sogar eher ablehnt.
Wen das alles neugierig gemach hat findet hier eine lesenswerte Abhandlung über das Jantelov.
Am Schluss möchte ich noch hinzufügen, dass man bei solchen Erklärungsversuchen immer verallgemeinert und damit vereinfacht. Auf gut deutsch, man schert alle über einen Kamm, was dem Individuum natürlich nicht gerecht wird. Will also sagen, dass man trotz dieser Erkenntnis über das Jantelag, keinesfalls einen Schweden in eine bestimmte Schublade stecken sollte.

Montag, Januar 15, 2007

Stürmische Zeiten

Gestern früh wollten Babs, Jan, Tina, Sanne und ich eine Tagestour nach Örebro machen. Schon Morgens auf dem Weg zum Bahnhof war es relativ stürmisch, wie sich später herausstellte war das aber nur der Anfang. Schon beim ersten Umsteigen in Mjölby hatte der Sturm eine orkanartige Stärke erreicht und den Zugverkehr von Mjölby nach Örebro bis heute zum Erliegen gebracht. So saßen wir gute vier Stunden in dem Kaff Mjölby fest bis wir endlich wieder mit einem Zug zurück nach Linköping fahren konnten.
Auf dem Weg vom Reisezentrum nach Ryd war es kaum noch möglich mit dem Fahrrad geradeaus zu fahren, man fühlte sich wie ein Spielball des Windes. Überall sahen wir entwurzelte Bäume und Beschädigungen an Häusern. Ganz neue Lichtungen enstanden im Wald.
Auch Ikea hat es schlimm erwischt. Kaum ein Fahnenmast steht noch gerade.


Da es mit unserer Tour nach Örebro also nichts wurde, entschlossen wir uns gemeinsam noch ein schwedisches Gericht zu kochen. Leider habe ich keine Ahnung wie das Gericht heißt, aber egal, es hat zumindest super geschmeckt. Das Typsiche an dem Kartoffelgericht ist, dass man die gekochten Kartoffeln zu Tisch in einer Presse direkt auf seinen Teller drückt. Sieht dann in etwa aus wie Spaghetti-Eis.


Darüber kommt dann Putengeschnetzeltes in einer süß-saueren Soße mit Pilzen, Orangen, Paprika, Ingwer und einigen Gewürzen. Echt lecker!


Mit einer Zufriedenheit, die einem so nur ein voller Magen beschert, ließen wir den Abend dann noch mit dem Brettspiel Cartagena ausklingen.

Mittwoch, Dezember 13, 2006

Lucia Tag

Heute ist Lucia Tag!!! Lucia? Nie gehört? Ging mir genauso, hier in Schweden ist diese Heilige aber so bekannt wie die GEZ in Deutschland, nur halt im Positiven.
Heute morgen um halb 8 war ich bei einem kleinen, studentischen Lucia Vorführung an der Uni. Neben etwas Theaterspiel, von dem ich wieder fast nichts verstanden habe, ist der Kern einer solchen Veranstaltung immer eine Truppe Frauen in weißen Gewändern, die mit Kerzenkränzen auf dem Kopf Lieder singen.
Was hat es mit all dem auf sich? Lucia war eine italienische Heilige, die heutzutage für das Licht steht und Schutzpatronin der Blinden ist. Traditionell versucht man also heute durch Umzüge und Beschwörungen von Lucia Einfluss auf die spärlichen lokalen Lichtverhältnisse zu nehmen. Über den Sinn lässt sich, wie bei allen Traditionen, streiten aber es ist ganz nett anzusehen. Vor allem, weil die Lucia jedes Jahr neu von einer Jury unter den schönsten Schwedinnen ausgesucht wird. Eine ganz große Lucia-Wahl findet jedes Jahr in Stockholm statt, was neben "Schweden sucht den Superstar" (wird hier einfach "Idol" genannt) wohl der Traum vieler junger Schwedinnen ist.

Hier in Linköping hatte ich weniger Glück. Anstatt mich von einer Sirene besingen zu lassen, musste ich mir haarige Männerbeine anschauen.
Wo wir es gerade von Licht haben, da habe ich gerade einen starken Nachholbedarf. Ich war von letzten Freitag bis gestern Abend in Kiruna, der nördlichsten Stadt von Schweden, die jenseits des nördlichen Polarkreis liegt. Was ich da so alles Tolles erlebt habe erfahrt ihr demnächst, wenn ich die Bilder gesichtet habe. Gleiche Stelle, gleiche Welle!

Donnerstag, Dezember 07, 2006

Blodpudding

Habe mir gerade eines der traditionellsten, schwedischen Gerichte gezaubert; Blodpudding was, wie der Name schon erahnen lässt, einfach nur geronnenes Schweineblut mit ein paar natürlichen Emulgatoren ist.


So sieht Blodpudding im rohen Zustand aus, bevor man es mit einem Stück Butter in die Pfanne haut.
Dazu isst man dann traditionell Preiselbeerengelee (schwedisch: Lingon Sylt).
Gefunden in Tobys Kühlschrank. Star Trek lässt grüßen!

Nach 10 Minuten freudigen Brutzelns in der Pfanne wird das Blut ganz schwarz und sieht ungefähr so aus.


Also was sagt der Gourmet? An den Geruch muss man sich erstmal gewöhnen, besonders appetitlich sieht es beileibe auch nicht aus, trotzdem schmeckt es irgendwie nicht schlecht. So ähnlich wie die warmen Blutwurststückchen (sprich "Grieweworscht"), die in einer guten Pfälzer Wurstsuppe (sprich "Pälzer Worschtsupp") rumschwimmen.