Mittwoch, Februar 28, 2007

Argumentverstärker

Letztens haben wir uns mal dran gemacht den Abstellraum unseres Flures zu entrümpeln. Neben viel Müll fanden wir auch allerlei Nützliches wie Lampen, eine Hängematte für den Sommer und neue Gardinen. Dabei lag auch ein geschnitzter Knüppel, den einer der Schweden entsorgen wollte, was ich jedoch dann verhinderte. Schließlich weiß man ja nie wann das nächste Mal die Ryd-Gang vor unserer Tür randaliert und außerdem so schlug ich vor, wäre es doch eh witzig den Knüppel im Eingangsbereich griffbereit an der Wand zu haben. Natürlich nur so wegen der Optik, ich verabscheue Gewalt. Darüber dann noch ein witziger Spruch und vielleicht überlegt es sich dann der schwedische GEZ Mann zweimal ob er klingelt.
Leider wurde mein Vorschlag bei der nächsten Flurversammlung abgelehnt und so fristet mein Argumentverstärker, wie ich ihn liebevoll taufte, ein Schattendasein in der Abstellkammer.


Eigentlich war es ja klar, dass ich mit diesem Vorschlag hier in Schweden auf verlorenen Posten stand. Ich meine in einem Land, von dem noch nie ein Krieg ausging und das auch nicht richtig bei den Weltkriegen mitspielen wollte, kann man mit sowas einfach nicht kommen ;-)


Okay, Spaß beiseite... so langsam werde ich vielleicht etwas zu makaber. Gewalt und Krieg gehören sicher zu den schlimmsten Geiseln der Menschheit und man sollte beides strikt ablehnen. Moralischer Zeigefinger wieder runter.

Dienstag, Februar 27, 2007

Pawlowscher Keks

Gemeinschaft macht stark, sagt man. Anonyme Alkoholiker z.B. finden in der Gemeinschaft neue Hoffnung. Religiöse Menschen geben sich gern, trunken durch den heiligen Geist, einer kollektiven Fantasie hin, um sich nicht alleine zu fühlen. Das imperiale Bündnis in Europa gibt uns die Kraft jedes Land der Erde, das sich unserer Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Gemeinschaft macht also stark. Klar.
Das wissen sogar schon die meisten Fische und deshalb organisieren sie sich in großen Schwärmen, um andere Raubtiere zu verwirren. Das gleiche gilt natürlich für die Vögel, die ja praktisch auch nur Fische in der Luft sind. Es scheint demnach so als wenn der Vorteil einer Gemeinschaft eine Gott gegebene Naturkonstante sei, wäre da nicht, ja wäre da nicht die Spezies der Kekse in Schweden.
Nach wochenlangen Experimenten mit meinen Flurschweden habe ich den Beweis! Gemeinschaft kann auch tödlich sein.

Folgender Versuchsaufbau:
Man nehme einen Teller voll schwedischer Schokoladenkekse und platziere ihn plakativ auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum.


In den folgenden Tagen werden die Kekse einer nach dem anderen gefressen. Meistens passiert dies nach der Abenddämmerung, wenn sich die Schweden unbeobachtet fühlen.
Nach ein paar Tagen sieht es im Revier der Kekse dann so aus:


Ein einzelner Keks ist der traurige Überlebende einer einst so stolzen Herde. Nach einer Weile entscheidet man sich instinktiv diesen Keks von seinem Leid zu erlösen und ihm den Gnadenbiss zu geben. Aber nicht so in Schweden. Hier scheint man Mitleid mit dem letzten seiner Art zu haben und verschont den Keks, verdammt ihn zu einem Leben in Einsamkeit aber Sicherheit. Der Keks musste tagelang warten bis er eines Morgens doch verschwunden war, ein paar Krümmel zeugten von seinem Schicksal. Ich hatte natürlich sofort Jacquinto in Verdacht. Ein portugiesischer Immigrant, der die schwedische Mentalität noch nicht ganz verinnerlicht hat und lag mit meinem Verdacht richtig. Er gab zu den Keks gerissen zu haben und erklärte mir, dass ein richtiger Schwede nie das letzte Stück von irgendetwas essen würde. Der Keks wäre liegen geblieben bis zum jüngsten Tag. Das wiederum löste natürlich meine Forscherinstinkte aus. Ich sagte Jacquinto, dass er keinen einzelnen Keks mehr essen sollte. Dann kaufte ich mir eine neue Schachtel Kekse und fing an immer nur einen einzelnen Keks auf den Teller zu legen. Und wirklich, wie vorhergesagt, der Keks wurde tagelang nicht gegessen. Darauf verspeiste ich demonstrativ, im Beisein meiner Flurschweden, den Keks, was nicht ohne Protest von Tobias vonstatten ging. Diesen Vorgang musste ich etliche Male wiederholen. Einen Keks auslegen, warten, verspeisen, bis endlich eines Tages ein Keks verschwunden war ohne mein Zutun. Eine kurze Recherche ergab, dass Jan-Erik, ein richtiger Schwede, den Keks gegessen hatte. Meine Konditionierung war also ein voller Erfolg. Ich hatte anscheinend durch das Vorführen einer Einzelkeksvertilgung die Hemmschwelle von Jan-Erik soweit herabgesetzt, dass auch er einen einzelnen Keks nicht länger verschonte.

Fassen wir also unsere Erkenntnisse zusammen:
1. Für einen Keks in Schweden bringt Gemeinschaft keine Sicherheit, eher im Gegenteil, nur allein ist er absolut sicher.

2. Ein unbeeinflusster Schwede isst niemals einen einzelnen Keks, oder generell das letzte Stück.

An das Max-Planck-Institut: Bitte überweist die Forschungsgelder auf das übliche Konto. Danke!

Montag, Februar 26, 2007

Swedish Mating and Dating

Den Schwedinnen sagt man ja nach, dass sie alle blond und willig sind, zumindest ist das eine landläufige Meinung in vielen europäischen Ländern. Mit einem Grinsen erinnere ich mich da gerne noch an eine der ersten Vorlesungen des Schwedisch 1 Intensivkurses. Unsere Lehrerin hatte ihre attraktive Tochter mitgebracht, die so auf die 30 zuging, um uns etwas über Schweden aus der Sicht der Jugend zu erzählen. Ziemlich schnell war klar, dass man mit der über wirklich alles diskutieren konnte und nach einer Weile kam die Frage auf, wie man es hier den mit dem Sex hält. Grinsend meinte sie, dass ihr natürlich klar ist, dass sich der Austausch nicht nur auf kultureller Ebene abspiele, sie aber dennoch ein paar Erwartungen dämpfen müsse, den ihrem Ruf im Ausland entsprächen die Schwedinnen keinesfalls. Sie selbst war nach eigenem Bekunden als Austauschstudentin in ihrer Studienzeit viel in Europa rum gekommen. Wenn sie sich als Schwedin zu erkennen gab, erntete sie meistens lüsterne Blicke und frivole Anspielungen.
"Die dachten sie könnten mich so einfach haben, weil ich Schwedin bin. Unglaublich. Das ging soweit, dass ich mich bei späteren Auslandsbesuchen als Norwegerin ausgeben musste.", so die Tochter entrüstet.
Die Stimmung in der Klasse war darauf etwas geknickt, lange Gesichter, einer scherzte sogar, dass die Freizügigkeit mit ein Grund war für ihn nach Schweden zu kommen, worauf die Lehrerin etwas empört meinte, dass die Schwedinnen nicht "loose" seien, was wohl umgangssprachlich sexuell offen bzw. promisk bedeutet.
Nach nun mehr als einen halben Jahr zeigt sich, dass an ihrer Aussage durchaus was dran zu sein scheint, von Gegenbeispielen hört man nur selten.
Stellenweise ist es sogar komplizierter als von vielen erwartet, was einen Immigranten in Stockholm dazu veranlasste einen wirklich lustigen Swedish Mating and Dating Guide zu schreiben. Nicht vergessen die vielen Kommentare dazu zulesen!

Dienstag, Februar 20, 2007

Fet Tisdag

Heute war der traditionelle Fette Dienstag (Fet Tisdag) in Schweden. Nach altem Brauch ist das der letzte Tag vor Beginn der Fastenzeit und natürlich muss man sich deshalb nochmal richtig stärken. In Schweden lässt man sich nicht lumpen und isst die sogenannte Semla. Das ist ein ziemlich kalorienreiches Gebäck mit Marzipan und Sahne, das einem schon beim Hinkucken das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

Quelle: Wikipedia


Ich habe Mittags zum Nachtisch schon zwei von den Dingern verdrückt und musste abends zu meinem Bedauern feststellen, dass sie in Ryd ausverkauft waren. Va'fan!!!

Montag, Februar 19, 2007

Schluss mit Lustig!

Läse ich nicht Tagesschau.de und Spiegel.de, so hätte ich von dem alljährlichen Ärgernis noch nicht mal etwas mitbekommen. Fasching!
Dieser verordneten Heiterkeit konnte ich noch nie etwas abgewinnen, geschweige den verstehen. Da wird aus dem seriösen Bänker von einem Tag auf den anderen ein Volljeck, der sich am liebsten wild bemalt und in Frauenkleidern ins Getümmel stürzt. Auf Kommando drehen ganze Städte durch und die Leute sind in ausgesprochen ausgelassener Laune. Der Deutsche scheint doch tatsächlich für einen Moment die selbst auferlegte Kühlheit abzustreifen und wird herzlicher als ein Spanier es um acht Uhr morgens je sein könnte. Plötzlich kann man selbst über Dinge lachen, die einem, vor nur einer Woche, noch dem Herzinfarkt näher brachten (der Zentraltrat der Muslime in Deutschland natürlich ausgenommen).
Es ist ein psychologisches Phänomen, dieser kollektive Irrsinn, der irgendwann doch jeden mitreißt. Ein Ventil der aufgestauten deutschen Verbissenheit und als solches zweckmäßig, so die nüchterne Analyse. Den Schweden entgeht dieser Spass, Karneval kennt man hier nur aus dem Fernsehen. Irgendwie doch schade, dass ich dieses Jahr nicht dabei bin. Habe ich das wirklich gerade geschrieben? Helau!